Das Mysterium um die Ausbildung junger Pferde

Oder warum man seinem Pony manchmal mehr Vertrauen schenken sollte:

       Sam kam im Alter von drei Jahren noch absolut roh zu mir, (anders wäre es finanziell nie möglich gewesen)... 

Bis dato stand er mit Gleichaltrigen auf riesigen Weiden, weit ab von Verkehr, Baulärm und "Streichelmenschen". Zwar war ihm diese Spezies bekannt, vom Hufe pflegen, Impfen und Füttern im Winter, nur hatte er wohl noch nie wirklich schlimme Erfahrungen mit ihnen machen müssen.- Dies sollte ein großer Vorteil für unsere ersten gemeinsamen Schritte sein. Nach einer Eingewöhnungsphase von einem Monat, in welcher er in erster Linie mit seinen neuen Weidekameraden Freundschaft schließen sollte, begann auch ich mich mehr mit ihm zu beschäftigen... Als erstes musste ich mir sein Vertrauen und kurz danach auch seinen Respekt erarbeiten. Stundenlange "Freundschaftsspiele", Spaziergänge und Beziehungstraining standen dafür auf dem Programm. Alsbald durfte er auch als Handpferd mit in´s Gelände. Es dauerte nicht lange und ich besaß ein Pferd welches mir auf Kommando ohne jedes Hilfsmittel folgte, anhielt wenn ich es wollte und wenn es sein mußte, an eben dieser Stelle eine viertel Stunde stehen blieb.

 

Der nächste Schritt sollte das Longieren sein, um ihn mit seinen Gängen sowie Stimm- und Körperhilfen meinerseits vertraut zu machen. 

Als dies saß, gingen wir damit auf den Reitplatz, um das Gelernte hier nun ohne weitere Hilfsmittel, wie Longe und "verlängerten Arm", zu festigen. Es folgte jede erdenkliche Art von Boden- und Stangenarbeit, bei der ich merkte , daß er mehr auf meine Körpersprache als auf die Stimmhilfen achtete.

Und dann sollte es soweit sein: Sam würde zum ersten mal den Sattel tragen !

Entgegen meiner Bedenken lies er die Decke sofort, und den Sattel nach kurzem Beschnuppern auf seinem Rücken zu. Vielleicht lag es daran, daß ich das Ganze in einer beabsichtigten Routine, die ich von Torfi kannte, durchführte und dabei versuchte, mir meine Spannung nicht anmerken zu lassen. Und wirklich, auch beim zweiten mal Satteln stand er da, als hätte er nie etwas anderes getan. Auch unsere Übungen auf dem Platz  führte er aus ohne den Sattel zu beachten. Da packte es mich und ehe ich begriff was geschah, saß ich auf Sam...Voll Euphorie sprang ich wieder ab,  fiel ihm um den Hals und hoffte, daß er verstehen würde, wie toll ich ihn in diesem Moment fand. Als Antwort schnaubte er... 

Mit diesem Ereignis schickte ich ihn in den Winter.

Nun war es aber so, daß ich zwar schon einige Pferde an Sattel und Reitergewicht gewöhnt hatte -auch ein erstes im Kreis reiten war drin - doch mit Einreiten selber hatte ich kaum Erfahrung. Aus diesem Grund kam ich zu dem Entschluß, Sam zu einer professionellen Ausbildung zu geben.

Ein paar Kilometer von meinem Wohnort entfernt gab es einen Westernstall, der auch die Ausbildung junger Pferde anbot. Etwas entmutigt von dem weniger guten Ruf des Hofes, begab ich mich dennoch mit einer Studienkollegin, welche dort Unterricht nahm, auf den Weg, um mir ein eigenes Bild zu machen. Was ich vorfand, war eine artgerechte Haltung der Tiere und eine kompetente Betreuung. Somit stand es fest! Sammy würde dort für erst mal nur einen Monat einziehen und zur "Schule" gehen. Im Januar war es dann soweit, Sammy bezog seinen Stall und eben in diesem Moment trat die Wende ein:

Anfangs machte ich die vielen neuen Eindrücke für die Änderung seines Verhaltens verantwortlich. Auch musste er zu seinen Ausbildern erst mal Vertrauen fassen. Oder hatte er während den 2 Monaten Winterpause alles Erlernte vergessen? Ich weiss nicht welche Faktoren noch mitspielten, Tatsache war, daß Sam sich nicht "ordnungsgemäß" longieren ließ. Sattel und Decke versetzten ihn in Panik. Obwohl er wegen Pilzbefall nicht mit den anderen Pferden zusammen auf die Weide durfte, hatte er eines morgens eine dicke Beule am Unterkiefer...(Sie wurde zwar kleiner aber existiert noch heute! Der vermeintliche Pilzbefall entpuppte sich später, nach der Untersuchung meines Tierarztes, als Schrammen, hervorgerufen durch Spielen mit Altersgenossen noch aus der Zeit, als er bei uns zu Hause stand. Ein weiterer Faktor kann die extreme Fellfärbung Sam´s gewesen sein, die an einenPilzbefall glauben ließ. Schließlich ist seine Haut von Pigment-Flecken übersäht. Appaloosa eben! Doch müsste dies ein Profi zu unterscheiden wissen?!) 

Im Endeffekt hatte Sam in diesem Monat durchschnittlich das gelernt, was er vorher schon in Perfektion konnte. Viel konnte ja auch nicht gearbeitet werden, weil der Platz gefroren war... Sammy hat außerdem die Stalleinrichtung zerstört,- zu beachten bleibt dabei jedoch, daß die Lampe, die er heruntergerissen hatte, gerade mal in Kopfhöhe hing und Sam ist nun wirklich kein Riese...

Diese Gegebenheit bestätigt mir nur, daß er in seinem engen Ställchen Langeweile gehabt haben muss und nicht wie vereinbart, so oft wie möglich auf der Weide stand.- Will gar nicht daran denken, was bei dieser "Lampen-Aktion" alles hätte passieren können... Obwohl es nicht meine Aufgabe gewesen wäre, sollte ich für den Schaden aufkommen. Gut- hab eine neue Lampe gekauft und auch so für diesen Monat viel Lehrgeld bezahlen müssen, um im Endeffekt, ein für Sam´s Verhältnisse völlig verstörtes Pferd zurück zu bekommen. Ich finde mein Geld nicht einmal in dem Futter wieder, was er während dieser Zeit gefressen hat, da er sofort bei seinem Einzug auf Diät gesetzt wurde. (Dabei dachte ich, daß es für ein Offenstall-Pferd nicht falsch sein kann, im Winter etwas mehr auf den Rippen zu haben, -davon abgesehen, gab es bei uns auch nur Heu.)

Nachdem im Frühjahr das beidseitige Vertrauen wieder hergestellt war, wagten wir uns, da weiter zu arbeiten, wo wir im Herbst aufgehört hatten. Innerhalb von zwei Monaten ging Sam alle drei Gangarten unter mir. Im Gelände ist er mit  oder ohne Gebiss geritten, eine "Lebensversicherung". 

Diese von mir gesammelten und hiermit veröffentlichten Eindrücke sollen keine Abrechnung mit dem erwähnten Hof sein- ganz im Gegenteil. (Hätte ich doch sonst nie festgestellt, zu was wir beide fähig sind, auch wurde so unser Verhältnis und Vertrauen zueinander gestärkt.) Viel mehr möchte ich mit meinen persönlichen Erfahrungen anderen "Pferdemenschen" Mut machen, über den eigenen Schatten zu springen und sich, sowie ihrem Freund Pferd, mehr zuzutrauen.

Es gibt viele verschiedene Reitweisen und eben so viele Einstellungen der Reiter selbst, deshalb würden bestimmt einige eine andere Art der Ausbildung vorziehen. Meiner Meinung nach haben wir den richtigen Mittelweg gefunden und Fakt ist, daß Sam mit seinen gerade mal 4 1/2 Jahren für mich der perfekte Freizeitpartner ist.

Aber seht selbst! 

 

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